In Verantwortung
für das Studienheim

Die Rede von Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm,
in Windsbach, Stadthalle, am 26.2.2013*

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Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder,

es ist mir eine große Freude heute hier an dieser Festveranstaltung anlässlich des 175jährigen Jubiläums des Studienheims in Windsbach teilnehmen zu können. Diese heutige Festveranstaltung ist kein Termin wie jeder andere. Wenn man die Klänge von Felix Mendelssohn-Bartholdy, gesungen vom Windsbacher Knabenchor, hört, dann weiß man, welch großes Privileg es ist heute hier zu sein. Dass es diesen Knabenchor gibt und dass auch die Rahmenbedingungen existieren, dass dieser Chor sich entfalten konnte, hat seinen Ursprung nicht erst vor gut 60 Jahren gehabt. Die Grundlage dafür ist bereits zur Zeit der Reformation zu suchen. Lesen, Schreiben, Rechnen, Musizieren, die Bibel verstehen und interpretieren: das waren wesentliche Ziele der Reformatoren. So gab es schon seit Beginn der Reformation in vielen Städten Schulen, in denen Kinder unabhängig von ihrer Herkunft die Grundlagen einer soliden Bildung erwerben konnten. Auch in Windsbach gibt es ja seit 475 Jahren ein höheres Schulwesen. Meist waren es die Städte, in denen es dieses Angebot gab. Kinder auf dem Land waren häufig benachteiligt, gerade hinsichtlich der höheren Schulen, die zumeist viel zu weit vom Wohnort entfernt waren. Diese Situation mag wegweisend sein für die Gründung des „Allgemeinen protestantischen Pfarrwaisenhauses“ im Jahr 1837 durch den damaligen Dekan von Windsbach, Heinrich Brandt. Dass sich aus dieser Gründung ein aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern nicht mehr wegzudenkendes Internat mit einer nunmehr 175jährigen Geschichte herausbilden würde, konnte Heinrich Brandt damals noch nicht ahnen. Auch nicht, dass es im Zusammenhang mit der Entwicklung des Pfarrwaisenhauses zu einem voll ausgebauten – staatlichen – Gymnasium kommen würde.

Das Vorhaben, den Schülern neben den Grundlagen der Bildung, auch die frohe Botschaft des christlichen Glaubens näher zu bringen, war aber bestimmt ein Ziel, das heute genauso von Bedeutung ist wie damals.

Dass Internat und Gymnasium in Windsbach auch heute noch eine so große Rolle spielen, haben sie nicht zuletzt dem Windsbacher Knabenchor zu verdanken, der seit 1947 wesentlicher Bestandteil der Schule ist. Der Knabenchor ist das musikalische Aushängeschild unserer Landeskirche, und erfreut die Herzen der Menschen weit über die Grenzen Deutschlands und Europas hinaus. Ich selbst bin jedes Mal nicht nur beeindruckt, sondern persönlich sehr berührt, wenn ich den Windsbacher Knabenchor singen höre.

In der Art und Weise der Vermittlung von Inhalten und ebenso in den angewandten Erziehungsmethoden gab es in der 175jährigen Historie des Studienheims und der 65jährigen Geschichte des Knabenchors wie in der Gesellschaft insgesamt einen deutlichen Wandel. Vieles, was aus heutiger Sicht zu kritisieren ist, war nach damaligem Verständnis usus. In diesem Zusammenhang ist auch die Auseinandersetzung um die Person von Hans Thamm zu sehen, die gerade in den letzten Jahren geführt wurde. Einerseits gibt es viele frühere „Windsbacher“, die ihn positiv als prägende Persönlichkeit erlebten, der sie viel verdanken, die sie verehren. Andererseits gibt es auch einige, die unter ihm gelitten haben; sie haben ihre Sicht in die Presse und ins Netz gebracht und sind dabei in ihrer negativen Bewertung auch über das angemessene Maß hinausgegangen. Dennoch steht es Christen gut an, die Verletzungen dieser ehemaligen „Windsbacher“ ernst zu nehmen.

Die Gefühle sind bei diesem Thema heftig. Der Versuch, anhand einer Gedenktafel als Windsbacher selbstkritisch mit dem Thema umzugehen, hat Empörung bei denen ausgelöst, die darin ein Stab-Brechen über ihren verehrten Lehrer gesehen haben.

Für mich ist dieser Konflikt ein klassischer Fall, an dem sich die Goldene Regel zu bewähren hat: Alles was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Es geht darum, sich in die Sicht des jeweils anderen hineinzuversetzen und die Quelle für die Heftigkeit seiner Gefühle, wenn nicht zu verstehen, so doch wenigstens zu erahnen. Wer verletzt worden ist, dabei Ohnmacht empfunden hat, reagiert manchmal heftig. Wer umgekehrt ganz andere Erfahrungen gemacht hat, wer von einem Menschen für sein Leben prägende Inspirationen empfangen hat, der sieht sich selbst im Innersten getroffen, wenn der verehrte Lehrer angegriffen wird. Für mich ist klar: Die geschehenen Verletzungen müssen und können offen angesprochen werden, ohne moralisch den Stab über einen Menschen zu brechen. Wer sich der Verdienste eines Menschen gewiss ist, kann auch seine Grenzen wahrnehmen.

Ich habe über diese Frage mit wichtigen Beteiligten ein Gespräch im Landeskirchenamt geführt, das zu folgender Lösung geführt hat, der alle zustimmen konnten:

Der Hans-Thamm-Saal heißt wieder Chorsaal;

an Hans Thamm als Begründer und langjährigen Leiter des Windsbacher Knabenchores wie auch an seinen Nachfolger Karl Friedrich Beringer wird durch Portraits mit den Daten ihres Wirkens erinnert; die Bilder haben ihren Platz im Foyer des Chorsaales gefunden.

An die positive und segensreiche Erziehungsarbeit in Windsbach wird auf einer Tafel am Eingang des Betsaales erinnert. Die Anwendung von Erziehungsmethoden, die wir heute als problematisch ansehen, wird dabei nicht verschwiegen.

Eine möglichst sachgemäße Darstellung der verschiedenen Sichtweisen soll erarbeitet und in einem Folder allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden.

Ich halte diese Lösung für einen guten Weg, der den verschiedenen Gefühlswelten bestmöglich gerecht wird. Ich bedauere, dass die Kommunikation auf dem Weg zu diesem Ziel durch zu lange Briefbeantwortungsfristen belastet war. Das Niveau, auf dem der Vorgang in einigen Beiträgen der „Festschrift – die andere“, die ansonsten lebendige und lesenswerte Rückblicke bietet, behandelt wird, verwundert mich aber, um es zurückhaltend zu sagen.

M. E. darf es in diesem gesamten Prozess keine Sieger und Besiegten geben, da sonst die – auch öffentliche – Auseinandersetzung kein Ende nimmt und das letztlich auch der gegenwärtigen Chorarbeit der „Windsbacher“ schaden könnte.

Die bayerische Landeskirche ehrt Hans Thamm als Gründer und langjährigen Leiter des Windsbacher Knabenchores und als prägende Persönlichkeit und dankt ihm, ohne zu verschweigen, dass auch er nicht frei von Erziehungsmethoden war, unter denen junge Menschen auch gelitten haben und die wir heute kritisch sehen.

So ist es besonders wichtig, dass wir mit Empathie, aber auch mit der nötigen Distanz auf die verschiedenen Zeiten zurückblicken. Es gilt aus der Vergangenheit zu lernen, um auch für die Zukunft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die richtigen Akzente für Studienheim und Knabenchor zu setzen. Der Windsbacher Knabenchor ist etwas ganz Besonderes. Ich danke Karl Friedrich Beringer, der als Nachfolger von Hans Thamm in der Chorleitung dem Chor zu Weltrang verhalf. Ich danke Martin Lehmann, dass er innerhalb kürzester Zeit seine eigenen Akzente gesetzt und den Chor dafür motiviert hat, so dass man sich auf die weiteren Jahre seiner Leitung nur freuen kann. Ich danke allen, die die Jungs im Chor hauptamtlich oder ehrenamtlich mit großem Engagement begleiten. Ich danke allen, die mit ihrem Geld mithelfen, dass die wunderbare Musik erklingen kann. Ich hoffe, Sie stecken mit Ihrer Großzügigkeit viele andere an! Und vor allem danke ich denen, die singen: den Windsbacher Knaben selbst. Ich danke euch dafür, dass ihr mit euren Talenten und mit eurer inneren Energie beim Singen unsere Seele berührt.

Ich wünsche allen, die Verantwortung für das nun 175 Jahre alte Studienheim und den Chor dessen Heimstatt es ist, tragen, dafür Gottes reichen Segen.


Die Rede als PDF —>

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*

Veröffentlicht mit Genehmigung vom 21.3.13.


Einige Anmerkungen
aus der Redaktion

… damals "usus": Wir bleiben dabei: In Windsbach wurde weit über den damaligen "usus" hinaus "erzogen"! Das war auch damals den Tätern meist als Unrecht bewusst.

"… heißt wieder Chorsaal": Das war unsere erste und einzige Bitte anno 2010!

"… wird dabei nicht verschwiegen" (neue Tafel am Betsaal-Eingang): Dass "nicht verschwiegen" wird, ist positiv, die neue Tafel ist aber schon etwas versteckt und verschweigt
auch einiges: Heute sollte man "Ross und Reiter" beim Namen zu nennen wagen!


Fazit

Die Hinweise in diesen Anmerkungen ändern nichts daran, dass wir diese Rede und die darin verkündeten Entscheidungen sehr begrüßen.
Da wir neben der Kritik an damals Handelnden Verdienste nicht in Abrede gestellt, sogar ausdrücklich gewürdigt haben, können wir darin einen Schlusspunkt zu den Auseinandersetzungen sehen.

Unser Dank gilt deshalb den Verantwortlichen, an vorderster Stelle dem Landesbischof Dr. Bedford-Strohm.


Letzte Änderung:
Freitag, 22. März 2013

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