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Unterschiedliches Erinnern

Psychologin legt Abschlussbericht vor
Von Ulrike Winkler von Mohrenfels

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Windsbacher Magazin
Dokumentation

Im Juni legte die Ombudsfrau des Windsbacher Knabenchores,
Ulrike Winkler von Mohrenfels, einen Bericht über Misshand-
lungen im Evang.-Luth. Studienheim vor. Dieser Bericht wurde
an das Kuratorium von Chor und Studienheim, an die Leiterin
des Landeskirchenamtes, die Juristin Dr. Karla Sichelschmidt,
an Landesbischof Dr. Johannes Friedrich, an den zuständigen
Oberkirchenrat Michael Martin sowie an den mit der staatlichen
Heimaufsicht für Windsbach betrauten Ministerialbeauftragten
Hubert Lepperdinger (Augsburg) weitergeleitet. Für die Doku-
mentation im Windsbacher Magazin verfasste Frau Winkler von
Mohrenfels die folgende Zusammenfassung. Da die Meldungen
und Berichte von Betroffenen ein sehr unterschiedliches Bild
von den Praktiken der 50er und 60er Jahre zeichnen, liegt ein
Schwerpunkt ihres Beitrages auf der Frage, wie es zu so unter-
schiedlichem Erinnern kommt. Den Abschluss ihrer Arbeit bil-
dete ein nicht-öffentlicher »Runder Tisch« am 9. Juli, zu dem
sich über 20 Betroffene der 50er und 60er Jahre zusammen-
fanden.

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Unterschiedliches Erinnern
Psychologin legt Abschlussbericht vor
Von Ulrike Winkler von Mohrenfels

Ulrike Winkler von Mohrenfels:

Im Frühjahr 2010 wurde in Zeitungsartikeln wiederholt über
physische und psychische Misshandlungen und sexuellen Miss-
brauch in deutschen Internaten berichtet. Die Internatsleitung
des Windsbacher Knabenchores reagierte auf die ersten Presse-
berichte und bat mich, als externe Psychologin und »Ombuds-
frau« zur Verfügung zu stehen, an die sich mögliche Betroffene
aus dem Windsbacher Internat wenden könnten.

Als kurz darauf Zeitungsartikel über einen ehemaligen Winds-
bacher Schülers mit massiven Vorwürfen gegen die Internats-
sowie die Chorleitung der 60er Jahre erschienen, liefen schnell
die ersten Berichte bei mir ein.

Die Berichte stammen aus den drei Jahrzehnten nach der Wieder-
eröffnung des »Pfarrwaisenhauses« im Jahr 1946 und der bald
darauf erfolgten Chorgründung. Während zwanzig Anrufer über-
haupt nicht verstehen konnten, wovon die Zeitungen schrieben,
und selbst auch keinen unzulässigen Übergriffen ausgesetzt waren,
sprachen 26 Ehemalige von physischer und psychischer Gewalt in
ihrer Schulzeit. Manche waren zwar nicht selbst betroffen und
haben deshalb auch keine schlechten Erinnerungen an Windsbach.
Sie erinnern sich aber daran, dass Mitschüler Opfer von Gewalt
wurden. Andere erzählten von klarer Gewalt gegen sie selbst.
Die Schilderungen dieser Erlebnisse waren dabei stets sehr klar,
zeitlich und örtlich sehr gut eingegrenzt und meist auch sehr
differenziert. Mancher konnte auf den Tag genau benennen,
wann, von wem und weshalb ihm Gewalt angetan wurde. Das
sind starke Indikatoren für die Stichhaltigkeit der Erinnerungen
und die Glaubwürdigkeit der Erzählungen.

Wie kann es zu so unterschiedlichen Wahrnehmungen von Per-
sonen und Situationen kommen? Dafür gibt es verschiedene
Erklärungen. So fanden manche der geschilderten Übergriffe
nicht in der Öffentlichkeit statt, sondern hinter verschlossenen
Türen oder vor wenigen Zeugen. Andere Mitschüler bekamen es
also nicht oder nur in Ansätzen mit. Auch lebten nicht alle, die
sich meldeten, selbst im Internat. Einige waren nur in der Schule
mit den lnternatskindern zusammen und erfuhren von ihnen, was
geschehen war.

Selbst Internatsschüler machten nicht alle die gleichen Erfahrun-
gen. Sie lebten in verschiedenen Gruppen, waren in verschiedenen
Schlafsälen untergebracht, arbeiteten in unterschiedlichen Studier-
sälen. Nicht alle waren Chorsänger. So hatten sie mit verschiedenen
Erziehern, Hilfserziehern und – je nachdem, wann sie in Windsbach
waren – mit verschiedenen Direktoren zu tun.

Familiärer Hintergrund

Eine wichtige Rolle bei der Bewertung der Ereignisse spielt der
familiäre Hintergrund der Betroffenen. Einige wurden auch zu
Hause sehr streng erzogen. Andere kamen aus einem behüteten
Umfeld, in dem sie eine liebevolle und gewaltfreie Erziehung
genossen hatten.

Nicht zuletzt kam es auf die Persönlichkeit des Kindes an. Ehe-
malige, die sich als sensible Kinder beschrieben, litten stark unter
der Lieblosigkeit, die sie im Internatsleben empfanden. Ein Anrufer
sprach von »emotionaler Kälte«, die im Internat herrschte und
unter der er enorm litt. Ehemalige, die von sich selbst behaupteten,
»aufmüpfig« oder »renitent« gewesen zu sein, waren häufiger
körperlichen Strafen ausgesetzt als angepasste, nicht (zu) sensible
Buben.

Die Sprachwahl, mit der am Telefon oder in den Zuschriften über
den Internatsalltag der 50er und 60er Jahre berichtet wurde, sagt
eine Menge über das Erleben aus. So erzählten alle vom »Verhör«,
bei dem jüngere Buben am Nachmittag nach der Studierzeit durch
größere Schüler, die »Verhörer«, abgefragt wurden. Diese »Ver-
hörer« konnten bei Fehlern oder Nichtwissen Kopfnüsse oder Ohr-
feigen verteilen. Sie übernahmen damit die Methoden, die sie bei
den Erziehern (Präfekten) sahen. Beim »Trieb« handelte es sich
um den täglichen Spaziergang. Die Jüngeren wurden in die Mitte
genommen, vorne und hinten liefen die Größeren und passten auf.
Manche Jüngere fühlten sich ihrem »Verhörer« schutzlos ausgelie-
fert, empfanden sich beim »Trieb« wirklich von den Großen »getrie-
ben«. Auch das Auftreten der Kleinen in der Öffentlichkeit wurde
von den Größeren kontrolliert und gegebenenfalls durch Kopfnüsse,
Ohrfeigen oder Schläge kommentiert.

Der physischen und psychischen Gewalt war man nach den Schil-
derungen vor allem in den ersten Jahren ausgesetzt, im Alter von
etwa 10 bis 12 Jahren. In diesem Zeitraum musste man im Schlaf-
saal mit ca. 16 anderen Jungen schlafen. Hier waren Präfekten
und Hilfspräfekten für die Ordnung zuständig. Diese hatten meist
keine pädagogische Ausbildung. Sie griffen zum Teil mit Härte
durch. So konnte es kommen, dass Hilfspräfekt H. das »Gute-
Nacht-Sagen« im Schlafsaal mit Schlägen begleitete oder Erzieherin
S. Ohrfeigen und Kopfnüsse verteilte. Ein Schüler wurde von einem
Präfekten mit dem Stahllineal auf den nackten Po grün und blau
geschlagen, so dass er tagelang nicht sitzen konnte. Präfekt K.
prügelte im Studiersaal so lange auf einen Jungen ein, bis die Mit-
schüler ihn anflehten, doch aufzuhören.

Hang zur Perfektion

Über die Person von Chorgründer Hans Thamm waren sich –
unabhängig von den persönlichen Erfahrungen – alle, die sich bei
mir meldeten, einig: Sie beschrieben ihn als eine Persönlichkeit
mit dem Hang zur Perfektion. Um seine hohen musikalischen
Ziele zu erreichen, griff er streng und rigoros durch. Er war ein
sehr eindrucksvoller, Ehrfurcht gebietender Mann. Wenn ein
großes Konzert bevorstand, konnte er gereizt agieren. Ehemalige
berichten von verbalen Demütigungen, von Beschimpfungen und
auch von Schlägen vor dem gesamten Chor. Einen Jungen soll
Thamm geohrfeigt haben, weil er zu spät zum Unterricht kam,
einen anderen, weil er im Stimmbruch war und manche hohen
Töne nicht mehr traf. Bei vielen hat Thamm aber auch heute noch
einen hohen ideellen Stellenwert. Sie haben musikalisch sehr viel
von ihm gelernt, sind auch persönlich stark von ihm geprägt und
verdanken ihm viel.

(Beilage zum „Windsbacher Magazin“ 1/2010)

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Letzte Änderung:
Donnerstag, 2. Februar 2012
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