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Thomas Miederer, Pfarrer und Direktor des Windsbacher Internats

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Thomas Miederer: Liebe Freunde und Förderer!

Die Beilage dieses Magazins befasst sich mit den Misshandlungs-
Vorwürfen, die in den vergangenen Monaten von ehemaligen
Schülern gegen frühere Erzieher, Direktoren und auch gegen
Chorgründer Hans Thamm erhoben wurden. Die Psychologin
Ulrike Winkler von Mohrenfels hat seit März dokumentiert, was
ihr als »Ombudsfrau« erzählt oder geschrieben wurde. Der Erzie-
hungswissenschaftler Prof. Dr. Max Liedtke stellt mit einem
Essay den historischen Bezugsrahmen her.

———>

zu dieser Beilage

Es ist nicht leicht, zu einem gerechten Umgang mit dem zu kom-
men, was geschehen ist – anderswo und eben auch bei uns. Ich
schreibe bewusst »Umgang« und nicht »Urteil«. Ein Urteil, gar
eine Verurteilung von Menschen, die sich nicht mehr wehren
können, wäre billig und schäbig. Es würde ihre Würde nicht weni-
ger verletzen als es ihnen umgekehrt zum Vorwurf gemacht wird.

—> Einwand:

Mit diesem Argument
ließe sich allzu viel
"unter den Tisch kehren",
denn viele Leute, deren
Missetaten zu unserer
Geschichte gehören,
leben nicht mehr.

Darf man deshalb kein
Urteil darüber fällen?

Um der Wahrheit, vor allem aber um der Betroffenen willen darf
jedoch auch nicht verschwiegen oder verharmlost werden, wo
Übergriffe begangen und toleriert wurden. Taten mögen verjähren.
Erinnerungen nicht. Wer heute mit einem Angsttraum aufwacht,
für den wiederholt sich zum x-ten Mal, was vor langer Zeit gesche-
hen ist. Er muss es wieder und wieder durchleben und durchleiden.
Das hört nicht einfach auf, wenn strafrechtliche Verjährungsfristen
abgelaufen sind.

Deshalb setzen wir, was die persönlichen Erinnerungen angeht,
auf Aussprache und – soweit das geht – auf Aussöhnung: Aus-
söhnung von Menschen, die aneinander schuldig geworden sind.
Aussöhnung mit einer Institution, hinter deren Mauern Kinder und
Jugendliche nicht immer den notwenigen Schutz und das notwen-
dige Verständnis fanden. Aussöhnung mit einer Vergangenheit, die
für manchen weit in die Gegenwart hineinragt.

Windsbach hat sich, gerade was die Pädagogik angeht, in den ver-
gangenen 50 Jahren entscheidend verändert. Deshalb muss nie-
mand die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit scheuen.
Wollten wir diese Auseinandersetzung verweigern, dann müssten
wir allerdings befürchten, dass die Vergangenheit die Zukunft über-
schattet.

Ihr
Thomas Miederer Direktor Studienheim Windsbacher Knabenchor

(Vorwort zum "Windsbacher Magazin" Nr. 1/2010)


Letzte Änderung:
Donnerstag, 2. Februar 2012
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