Willi Weglehner

Wie Schuppen von den Augen

Gedanken zum Vortrag von Dr. Hans Rößler:
„Von der deutschnationalen Pfarrerschmiede
zum Chorinternat der Windsbacher Sängerknaben
(1913 bis 1977)“

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Tiefflieger von rechts, volle Deckuuuung!

Sprung auf, Marsch, Maaaarsch!

Für einen, der in der Adenauer-Armee dem Vaterland seine Ehrerbietung im Dreck zu erweisen gehabt hatte, sind solche Luftkommandos nichts Neues und mit der linken Hand längst über die Schulter geworfen. Für mich nie Gegenstand ernsthaften Grams und deshalb leichten Mutes vergessen, denn meine Zeit der Grundausbildung fand im Herbst 67 statt.

Man lachte zähneknirschend, wenn man kurz im weichen Waldboden lag und gleich wieder hochgescheucht wurde, über diesen Blödsinn, ausgespuckt von boshaften Menschen, die nichts gelernt hatten außer einem eingegrenzten stereotypen Vokabular, sich gleichwohl Herr Unteroffizier titulieren ließen.

Dann kam mir in Erinnerung, dass mein Vater als gestandenes Mannsbild von 36 Jahren während des Krieges einmal von so einem 19-jährigen Bürschchen wie folgt entwürdigt worden war: Bitte Herrn Unteroffizier vorbeigehen zu dürfen!

Die Zeit dieses Unfugs gleich nach dem Abitur war bemessen auf anderthalb Jahre. Deshalb trug man im letzten Vierteljahr ein Maßband in der linken Brusttasche, von dem jeden Tag ein Zentimeter abgeschnitten wurde, ein heiliges, von den unmittelbaren Vorgesetzten, sprich bläkenden Unteroffizieren mit Argwohn beäugtes Ritual.

Die Jahre vor den gestohlenen 18 Monaten hatte ich im Windsbacher Pfarrwaisenhaus mit Studienheim und Knabenchor verbracht. Neun lange Jahre Gymnasium und aktiv im Windsbacher Knabenchor, vorher ein Jahr vierte Klasse Grundschule zur Vorbereitung auf Schule und Chor.

Kommandos wie jene gab es dort nicht, Geschöpfe wie Unteroffiziere auch nicht. Nicht mehr.

Und doch hatte vieles das Kommende vorweggenommen: Gruppen, Gruppenführer, stellvertretender Gruppenführer, Frühsport in den Sommermonaten, paramilitärische Geländespiele mit Lebensfaden am Arm, Tages- aber auch nächtliche Orientierungsmärsche in Pfadfinderuniform mit Taschenlampe, Generalstabskarte und Kompass, militärische Disziplin ubiquitär im Tagesablauf.

Das war, bis auf die öde und pseudo-männliche Pfadfinderei, die überflüssig wurde, nachdem ein Pfad nach Neuendettelsau gefunden war, wo die Mädchen unserer leider nie erfüllten Grundbedürfnisse unter der Diakonissen-BDM-Fuchtel lebten und litten, Ende der 50er bis weit in die 60er durchgehend so.

Diese Sondergesellschaft in der Gesellschaft nannte sich demokratisch, wörtlich entlehnt von der sie umgebenden Gesellschaft, die sich eben demokratisch nannte.

Man kannte als junger Mensch keine andere demokratische Gesellschaft, wusste daher auch nicht, dass der Begriff Gruppenführer einer ganz anderen Gesellschaft entlehnt war.

Pennäler im Internat leben in einer eigenen, abgeschotteten Welt. Dementsprechend fallen die Geschichten aus, die sie erzählen. Dass diese skurril, abenteuerlich und meist erlogen erscheinen, liegt in der Natur der Sache.

Aber sie werden weitergegeben, oft genug unter Anwendung unmittelbaren Zwanges, von Älteren an Jüngere, die sie glauben, später auch belächeln und bezweifeln. Irgend etwas jedoch bleibt hängen. Das ist der Hauptsinn.

Wenn also behauptet wurde, der Direktor sei mal Major im Generalstab einer Wehrmacht gewesen, die unter der Führung des GröVaZ, des größten Verbrechers aller Zeiten, einen Weltkrieg mit 55 Millionen Toten angezettelt und bis zur bitter notwendigen eigenen Neige vor dem Nürnberger Tribunal geführt hatte, so erschien das wenig wahrscheinlich, denn der Direktor war Pfarrer.

Konnte das dennoch sein?

Mehr als 50 Jahre später erfährt man sehr detailliert, dass dieses hehre Pfarrwaisenhaus ab den 20er Jahren nicht nur deutschnationale Pfarrerschmiede, sondern auch Hort eines für den heutigen Betrachter geradezu komödiantisch erscheinenden Militarismus mit realistischen Kriegsspielen gewesen war, zunächst angeordnet von der mittleren Führungsebene, hitleristischen Präfekten bzw. Lehrern, was später unter einem hitlerfanatischen Dekan namens Bohrer in der über dem Haus wehenden HJ-Fahne gipfelte.

Dass nach dem Krieg ein Chorleiter sächsisch geprägter Musikhochkultur, dessen angebliche Leitlinie das Singen zum Lobe Gottes war, selbst überzeugter Militarist – nicht Nazi – im Dienst eines unvorstellbaren, verbrecherischen Unrechtssystems gewesen war, wusste man freilich ziemlich sicher durch dessen Eigenpropaganda. Nicht als ein dümmlicher Herr Unteroffizier, sondern als veritabler Leutnant oder gar schon Oberleutnant mit höherer Befehlsgewalt, der in Montecassino dabei gewesen war.

Eine göttliche Fügung für Windsbach? Wohl kaum, denn der Herrgott straft keine Kinder.

Ein zusätzlich beredtes Zeichen für den weiter herrschenden alten Geist waren Essbestecke und -geschirr, mittels derer den Schülern nach der Stunde Null noch über viele Jahre hin die karge Atzung schmecken sollte: Auf der Rückseite von Tellern und Tassen sowie den Griffen von Messern, Löffeln und Gabeln prangte der Reichsadler samt Hakenkreuz.

Es war also tatsächlich etwas dran gewesen am nebulösen Pennälergeschwätz.

Spätestens dann fällt einem wie Schuppen von den Augen, dass das, was einem angetan worden war, als Fortsetzung eines solchen Geistes geschehen war: Menschenverachtung, Quälereien, brutale Misshandlungen, die sich kein Herr Unteroffizier geschweige denn ein Offizier selbst in der nationalsozialistischen Wehrmacht gegen Untergebene hätte erlauben dürfen.

Ein Kontext tut sich auf, der alles erklärt, was man selbst erlebt hatte. Der braune Faden wird sichtbar, der sich durch die eigene Zeit zog und 50 Jahre danach noch immer ziemlich straff gespannt ist, auch wenn er jetzt von anderer Farbe scheint.

Und weiter erfährt man, dass es eine Demokratie, manifestiert in einem Grundgesetz, das für alle Deutschen verpflichtend ist und für alle kommenden Zeiten eine Wiederholung dessen, was geschehen war, verhindern sollte, dort niemals gab.

Im Gegenteil: Man scherte sich einen Dreck um Werte wie Menschenwürde, Recht auf körperliche wie seelische Unversehrtheit wehrloser Kinder, wie sie das Grundgesetz zwingend vorschreibt, und hinter den Kulissen tobten zahlreiche, von jedweder Demokratie weit entfernte Kämpfe innerhalb der Obrigkeit, von denen man nichts mitbekommen hatte. Die dem humanistischen Ideal, das auf die neuen Fahnen geschrieben war, Hohn schrien, dafür aber eine konsequente Fortsetzung des alten Geistes waren, anscheinend nicht ausrottbar. Vor allem nicht durch einen Direktor, auch Pfarrer, der im schicksalsträchtigen Jahr 1968 kam und reformieren wollte.

Was dann folgte, war im Grunde vorauszusehen gewesen.

In den 70ern war der Chor auf ein kümmerliches Häufchen geschrumpft.

Weil Direktor Dr. Gürth, der Neue, zusammen mit Vikar Gustav Rosenstein und dem religionspädagogischen Praktikanten Peter Brunner die Autorität des Kirchenmusikdirektors hinsichtlich der Chordisziplin untergraben hatte?

Nein, sondern weil die Welt aufbegehrte, besser: die Jugend der Welt. Der westlichen zumindest. Das wollte man im Getto von Gewalt und Unterdrückung unter allen Umständen verhindern.

Und der Machtkampf innerhalb der Obrigkeit hatte ganz einfache Hintergründe: Der Kirchenmusikdirektor wollte – welch kleinkariertes Denken für einen ehemaligen Wehrmachtsoffizier mit spezifischer Ehre – der unumstrittene Herrscher im Hause sein und setzte deshalb sogar die Landeskirche massiv unter Druck. Eine willfährige Landeskirche, die noch immer durchsetzt war von angeblich bekennenden Christen. Was nämlich fällt uns ein, wenn wir an Bischof Meiser denken, der dem Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer selbst an dessen Grab die Anerkennung verweigerte?

Wie auch immer, der Kirchenmusikdirektor blieb Sieger. Aber er war angezählt, und mit ihm sein Geist, der Geist des Militaristen, der keinen Widerspruch duldete, auch wenn das heute von Leuten, die es mit Sicherheit besser wissen, in verblendeter hündischer Verehrung behauptet wird. Das ist schlimmer als Borniertheit, denn es ist die Zustimmung zu, mehr noch: die Rechtfertigung von Verbrechen.

Jeder Chor, jedes Orchester, generell jedes Team, nicht nur auf dem hohen Niveau des Windsbacher Knabenchores ist angewiesen auf straffe Disziplin. Wenn die nötige Disziplin aber nur zu Lasten der Menschlichkeit geht, verlieren sowohl Chor als auch die erreichte Qualität ihren behaupteten Anspruch.

Bitte Herrn Unteroffizier, vorbeigehen zu dürfen …

Ob wohl mein Vater, der im Weltkrieg anderthalb Jahre am Stück in Russlands Norden für die Weltherrschaftsziele der verbrecherischsten Clique aller Zeiten verbringen hatte müssen, der dort gelobt hatte, künftig keinen sonntäglichen Gottesdienst zu versäumen, sollte er der weißen Hölle unbeschadet entkommen, mich den Herrschaften im militaristischen Pfarrwaisenmilieu zu humanistischer Ausbildung und gottgefälliger gesanglicher Unterweisung überlassen hätte, wäre ihm solches bekannt gewesen?

Als ich viele Jahre später endlich mein Schweigen brach, war er fassungslos: Warum hast du denn nichts gesagt, Bub?

Hätte man in 2010 auf einige Bittsteller gehört und den inkriminierenden Namen des inzwischen verstorbenen Kirchenmusikdirektors am Chorsaal stillschweigend wieder entfernt, so wäre ein Teil seines zweifelhaften Nimbus erhalten geblieben.

Es kam – gottlob – anders.

Ich persönlich hatte zu dieser Zeit längst Frieden gemacht mit der Stätte meiner Pein. Mehr noch, einen versöhnlichen Neubeginn unter anderen Vorzeichen gesucht. Das allerdings wurde mir im Juli 2010 und den folgenden zwei Jahren gründlich vermasselt – mit gravierenden Konsequenzen für meine Gesundheit.

Mit dem Ergebnis eines völlig unnötigen Kampfes, der mit harten Bandagen gegen die geführt wurde, die Gerechtigkeit im nachhinein einforderten, ist jedoch nun auch sowohl der Ruf einer humanistisch-christlichen Einrichtung als auch der des großen Gründervaters, der zumindest rein musikalisch weitgehend berechtigt ist, in einer Öffentlichkeit, die vom herrschenden reaktionären Geist nichts gewusst hatte, so ziemlich dahin.

Die Zusammenhänge aufhellend würdigt die Untersuchung des Historikers Hans Rößler, wess’ Geistes Kinder verantwortliche Herrschaften waren, die nach dem Weltkrieg II ernsthaft an die Fortführung eben dieses unseligen Geistes in Windsbach gedacht hatten. Da erscheint es abwegig, sie dahingehend zu entschuldigen, sie seien „Kinder ihrer Zeit“ gewesen, denn, bleiben wir bei dieser Metapher, gerade von Kindern wird verlangt, dass sie lernen.

Von „Pädagogen“, wie sie sich selbst nannten, am ersten und allermeisten. Wenigstens das Grundgesetz.

Doch darüber setzten sie sich selbstherrlich hinweg und betrachteten offenkundig das Ghetto hinter den Internatsmauern als unantastbare Domäne ihrer Willkür.

Leider werden die späten 50er und frühen 60er Jahre, in denen es zu exzessiven Misshandlungen kam, in dieser Untersuchung kaum berücksichtigt. Warum nicht, Dr. Rößler?

Der stockprügelnde ehemalige Major im Generalstab sei hier nochmal erwähnt. Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn soll ein alttestamentarischer Erziehungsgrundsatz gewesen sein, stammt aber aus dem (gefälschten) Hebräerbrief des Paulus.

Mag er möglicherweise seine beiden eigenen Söhne so gezüchtigt haben. Wir waren seine Söhne nicht, und mancher leibliche Vater, der von solcher Züchtigung erfuhr, holte seinen Sprössling stante pede von dort heraus.

Darum sei es nicht gegangen. Worum dann? Um das Erziehungsprinzip des Alten Fritz? Zehn Stockhiebe für den aufmüpfigen Rekruten?

Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer. (Sprüche 14, 31)

Der Kampf jener Gruppe von Misshandlungen und brutaler Unterdrückung Betroffener dieses Zeitraums deckte jedenfalls deutliche Spuren des alten Geistes auf, die noch immer bzw. wieder erschaudern lassen.

Der nachfolgende Kirchenmusikdirektor, ein in die ursprüngliche Freiheit des Grundgesetzes Hineingeborener und mittlerweile auch bereits Kirchengeschichte, unterwarf sich dem schmachvollen Joch der lückenlosen Kameraüberwachung seiner Probenarbeit, nachdem auch er im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends in heftige Turbulenzen geraten war.

Auf seinen Vorgänger ließ er nichts kommen.

Von Montecassino nach Monte Soprano? ist man versucht zu fragen.

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Letzte Änderung:
Mittwoch, 27. Februar 2013

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Misshandlungen