Nie wieder?
Editorial vom Januar 2013

PDF


"Nie wieder"

„Nie wieder“ ist eines der Leitmotive im Umgang mit unserer deutschen Geschichte. Da haben wir im großen Maßstab gelernt, dass Verleugnen, Verdrängen nicht zum Verhüten führen kann. Ohne Kenntnis gibt es keine Erkenntnis. Nur der klare und freie Blick auf die Wahrheit und die Wirklichkeit kann zu dieser Kenntnis, dieser Erkenntnis führen, kann der Aufforderung des „Nie wieder!“ Substanz und Chance geben.

Gleiches gilt – freilich im weit, weit kleineren Maßstab – auch für das, was zu einer bestimmten Zeit in Windsbach geschehen ist: Dass Knaben, kleine Buben und auch größere Jungen immer wieder Demütigungen ausgesetzt waren, mehr noch, auch körperlichen „Züchtigungen“ ausgesetzt waren, die deutlich über das hinausgegangen sind, was „damals so üblich“ war, dass ihnen Schmerzen, seelische und körperliche, zugefügt wurden, vor allen anderen durch Hans Thamm, aber auch durch Pfarrer Friedrich Höfer, das ist wider alle Leugnungs- und Verdrängungsversuche bezeugt, belegt und bewiesen.

Es hat nicht alle betroffen, Gott sei Dank, nicht einmal die Mehrheit, aber immerhin so viele, dass sich einige dieser Betroffenen – beileibe nicht alle – endlich von Scham und Verdrängung frei machen konnten und darum gebeten haben, den heutigen Chorsaal nicht länger nach dem Chor-Gründer damaligen Leiter zu benennen.

Mehr nicht!

Dass diese Betroffenen und ihre Unterstützer an den Verdiensten Hans Thamms um den Chor nicht rütteln wollen, nie wollten, daran darf hier noch einmal erinnert werden. Sie wollten nur ihre in vielen Fällen bis heute wirkenden Leiden durch diesen kleinen Schritt gewürdigt wissen.

Mehr nicht!

Doch, noch mehr!

Sie wollten durch die internatsöffentlich gemachten Erinnerungen erreichen, dass die Augen eben dieser Internats-Öffentlichkeit in Zukunft genauer hinsehen und darauf achten, dass solches nie wieder geschehen kann.

Nie wieder.

Schließt sich der Kreis?

Schließt sich der Kreis damit?

Leider nicht. Denn wie im großen Maßstab, so haben sich auch hier im kleinen Menschen erhoben, die diese bezeugten, belegten und bewiesenen Ereignisse nicht wahrhaben, jene Zeit, jene Epoche und ihre Protagonisten reinwaschen wollen von allen Vorwürfen.

Erstaunlicherweise sind dies mehrheitlich Menschen, die die Epoche besonderen Fehlverhaltens selbst gar nicht erlebt haben, weil sie früher oder später in Windsbach waren, oder gar erst nach dem Ableben der Protagonisten! Andere unter ihnen waren selbst Zeugen von Misshandlungen, bestreiten sie aber heute vehement.

Und sie beschimpfen die, die unter diesen Protagonisten gelitten haben und die, die sich mit ihnen solidarisch erklären – teilweise aus eigener Zeugenschaft –, als Verleumder, Nestbeschmutzer, bedienen sich der Mechanismen des großen Maßstabes selbst hier im kleinen, bemühen sich darum, jeden Hinweis auf die Wirklichkeit zu diffamieren, freilich auch die, die sich der Wirklichkeit stellen, weil sie unübersehbar ist.

Damit haben sie allerdings erreicht, dass die größere Öffentlichkeit, sprich: die Presse, die von den Vorgängen erfahren hatte, darüber mehrfach berichtet hat, immer wieder, wenn die Misshandlungsleugner wieder Anlass gegeben haben, keine Ruhe gegeben haben, wenn es zum Beispiel auf Veranlassung wessen auch immer zu kriminellen Aktionen gekommen ist: Erinnerungstafeln gestohlen wurden.

Hätte man in tieferer Einsicht dem ursprünglichen Vorschlag der einfachen Namensänderung stattgegeben, wäre es nicht dazu gekommen. Hätte man die Tafeln hängen lassen, wäre es nicht dazu gekommen. Hätte man die Gruppe der Betroffenen nicht öffentlich verleumdet und beschimpft, hätte diese Gruppe keine Veranlassung gehabt, sich öffentlich zur Wehr zu setzen.

Hätte, hätte …

Hätte, hätte …

All dies ist offenbar und für jedermann (und -frau) erkennbar. Man könnte meinen, diese Kenntnis von Ursache und Wirkung zeitigt nun Erkenntnis.

Doch nein! Es geht weiter.

Die Misshandlungsleugner starten neuerliche Aktivitäten, legen neue Pamphlete auf, suchen neuerlich die Öffentlichkeit, laufen Gefahr, dass die Angelegenheit einer juristischen Klärung zugeführt wird, wo die Zeugen, Belege und Beweise dann dem Blick der ganz großen Öffentlichkeit vorgelegt werden, die bis jetzt nur dem Kuratorium, der Landeskirche vorliegen – und natürlich den Betroffenen selbst.

Das wird dem Chor, dem Internat, der ganzen Sache (allerdings auch ihrer eigenen) nicht wieder gut zu machenden Schaden zufügen.

Wer das will, mag dem verhängnisvollen Weg des Verleugnens, Verdrängens und Verleumdens weiter folgen.

Klug ist es nicht.

Die Redaktion

PDF


Nachtrag

Unter den Autoren eines Anfang 2013 erschienenen Pamphletes wider die Erinnerung an die Wirklichkeit befinden sich auch Männer, die als ältere Schüler ihren "Verhörstiften" gegenüber ziemliche Ohrfeigen-Rituale gepflegt haben, die ihre Opfer bis heute als quälende Demütigung empfinden.

Wir hatten ja schon einmal vermutet, dass das Bedürfnis, eine Decke des heiter glänzenden Sonnenscheins über die Erinnerungen zu breiten, auch damit zu tun haben könnte, dass man sich seines eigenen Tuns nicht gerne erinnern möchte.

Wir haben aber auch darauf hingewiesen, dass wir solche Sachen nicht gut jemandem vorwerfen können, solange wir nicht sicher sind, selbst gänzlich frei von solchem Verhalten gewesen zu sein.
Und wir waren’s leider zu oft nicht!
Aber da hat es Aussprachen gegeben, auch schmerzhafte. Das ist weitaus besser als Erinnerungen zu verdrängen oder zu verleugnen.

Wie weit wir damals mündig waren, darüber muss jeder vor sich selbst Rechenschaft ablegen oder mit den damaligen Opfern drüber reden. Wir beschäftigen uns mit den Verhaltensweisen Erwachsener, die es besser hätten wissen müssen, wohl auch besser wussten. Darauf lassen manche ihrer Aussagen schließen.

"Juristische Klärung" Zum Stichwort "juristische Klärung" (s. o. "Hätte, hätte …"):
"
Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist, wird, wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." (§ 186 StGB)


mail

Letzte Änderung:
Mittwoch, 27. Februar 2013

KontaktImpressumHaftungsausschluss

Thema
Misshandlungen